Bierzauberers Haberdashery Nr. 10: Über Hubraum und Plato

„Hubraum“ ist ein Wort, das man im Alltag eher selten hört, es sei denn, man arbeitet in einer Autowerkstatt oder fährt Autorennen. Dennoch weiss so ziemlich jeder, was damit gemeint ist. Oder glaubt es zu wissen. Zumindest ganz, ganz grob.

Als Kinder haben wir oft und gerne Autoquartett gespielt. Das Auto mit den besten technischen Daten hat immer gewonnen. Und Hubraum war immer wichtig. Je mehr, desto besser. Das hubraumstärkste Fahrzeug war im Grunde unschlagbar. Wobei ich mir nicht mehr sicher bin, dass wir Knirpse damals wirklich wussten, was dieser ominöse Hubraum wirklich war. Auf jeden Fall war es etwas ungeheuer Positives, das musste was wirklich Tolles sein, so ein Hubraum, wenn man damit ein Quartettspiel gewinnen konnte. Auch später, als mein technisches Verständnis gewachsen war, fand ich es sehr spannend, einen Motor zu sezieren, das Spiel der Kolben, ihrer Verdrängung und ihres Hubs (sic!) – in eben diesem Hubraum. Mit allem Gebrumme, Geröhre und Getöse, was halt so dazu gehört, je nach Zylinderanzahl und Kapazität.

Machen wir nun einen Sprung vom positiven Hubraum meiner Kindheit in die triste Gegenwart dieses Wortes.

Nicht alle sind mit dem Klimawandel einverstanden – ich auch nicht, ich nehme aber trotzdem mal an, dass die Wissenschaftler nicht gänzlich daneben liegen, auf deren Seite sich die kleine Greta geschlagen hat. (Umgekehrt natürlich auch.) Von „nicht einverstanden“ bis „leugnen“ ist es allerdings ein sehr weiter Schritt, und die nächste Konsequenz, der nächste Schritt in die falsche Richtung, ist dann die „Bekämpfung der Klimawandel-Mahner“. In dieser ungustiösen Umgebung befindet sich jetzt leider auch der Hubraum. Besetzt und gekapert von radikalen Automobilisten, um ihre Pfründe fürchtenden Autoverkäufern, Umweltignoranten und ultrarechten Vollidioten: Es ist wirklich eine unheilige Allianz, die derzeit medial, brunzdumm, lautstark und zynisch bis pseudo-ironisch ihr Recht auf weitere Umweltzerstörung unter dem Motto „Fridays for Hubraum“ einfordert. (Am Rande: Die gleichen Leute kleben sich neben den Auspuff ihrer Lieblinge auch gerne „Fuck-you-Greta“-Sticker. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Hier bietet sich nun ein kleiner Einschub aus der griechischen Philosophie an: Nämlich Platos Protagoras, eine seiner früheren Schriften, die man im Grunde nicht unbedingt kennen muss. Interessant ist dieses Werk aber aufgrund der Diskussion um das Wort Akrasie, einer sehr speziellen Art von Willensschwäche. Ich zitiere die allwissende Wikipedia: „Dabei geht es um ein Handeln gegen ein Urteil des Handelnden, dem zufolge ein anderes Verhalten möglich ist und besser wäre. Untersucht wird die Problematik einer Entscheidung, bei der man das Ergebnis eigener Überlegungen missachtet, obwohl man annimmt, dass dies zu überwiegend schädlichen Konsequenzen führen wird.“ Auf gut Deutsch: Akrasie ist Handeln wider besseres Wissen.

Kann mal auch laut dazu sagen: Ein bisschen akratisch sind wir doch alle. Mal mehr, mal weniger. Alles andere wäre doch geheuchelt. Allerdings ist es bei voran genannten eher mehr. „Fridays for Hubraum“ und Platos Protagoras: Im Jahr 2019 wächst zusammen, was zusammen gehört.

Aber dieser offensichtliche Kulturkampf „Fridays for Future“ versus „Friday for Hubraum“ stimmt mich auch sonst sehr traurig, nicht nur aus politischen Gründen.

Denn der plakative Gegensatz, das Gegenteil von Zukunft, ist im Moment der Hubraum. Hubraum ist die Vergangenheit. Die immer noch einen verheerenden, zerstörerischen Einfluß auf die Zukunft hat.

Ich werde auch nie wieder Autoquartett spielen. Sollte aber mehr Plato lesen.

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